Ein offener Brief  ·  Mai 2026

Wir wollen
nicht gehen.

Von jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren der deutschen Automobilindustrie.

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Wir sind hier.

Wir hätten schweigen können. Wie die meisten. Wir haben es nicht getan.

Wir sind Duale Studierende, Auszubildende, Berufseinsteigerinnen und junge Ingenieurinnen und Ingenieure. Ein duales Studium bedeutet: Wir studieren und arbeiten gleichzeitig, wechseln regelmäßig zwischen Hochschule und echten Abteilungen mit echter Verantwortung. Wir lernen ein Unternehmen von innen kennen, auf eine Art, die den meisten verwehrt bleibt. Wir haben noch keinen festen Platz im System. Und genau deshalb sehen wir es klarer als die meisten, die seit Jahrzehnten darin sitzen.

Wir haben uns bewusst für diese Industrie entschieden. In einem Moment, in dem viele unserer Generation woanders hingehen. Wir schreiben diesen Brief, weil wir nicht aufgegeben haben.


Es geht um mehr als Autos.

Die Automobilindustrie trägt dieses Land. Rund 773.000 Menschen arbeiten heute direkt in ihr. 2018 waren es noch über 830.000. Zählt man Zulieferkette, Handel und abhängige Infrastruktur dazu, berührt kaum ein anderer Bereich so viele Lebenswirklichkeiten in diesem Land. Der Wohlstand, den wir kennen, der soziale Zusammenhalt, den wir für selbstverständlich halten, er wurde zu einem großen Teil hier erarbeitet.

Was mit dieser Industrie passiert, passiert mit uns allen. Mit jeder Familie, die von einem Ingenieursgehalt lebt. Mit jeder Stadt, deren Haushalt von Gewerbesteuer abhängt. Mit jeder Handwerkerin und jedem Handwerker, dessen Auftragsbuch an der Automobilkonjunktur hängt. Wer glaubt, das sei ein Problem der Autobranche, unterschätzt, was auf dem Spiel steht, für Arbeitsplätze, Kommunen und den sozialen Frieden in diesem Land.

Wer Ingenieursexzellenz aufgibt, gibt mehr auf als Arbeitsplätze. Er gibt die Fähigkeit auf, jemals wieder etwas Vergleichbares aufzubauen.

Was uns groß gemacht hat.

Der Grund, warum deutsche Autos auf der ganzen Welt für etwas stehen, ist kein Zufall. Fahrwerke, die man fühlt, bevor man sie versteht. Motoren, die Jahrzehnte halten. Eine Qualität, die beim ersten Griff spürbar ist. Heute gehören dazu genauso Software, Elektronik und Batterietechnik, die zuverlässig funktionieren und sich laufend verbessern. Das ist kein Marketing. Das ist das Ergebnis von Generationen hochkarätiger Menschen, die an einem Detail gearbeitet haben, bis es perfekt war.

Carl Benz hat nicht in Komitees diskutiert. Er hat gebaut, getestet und wieder gebaut. Er hatte keine Änderungsschleifen. Er hatte ein Ergebnis oder er hatte es nicht. Genau diesen Geist haben die besten Ingenieurinnen und Ingenieure dieser Industrie über Jahrzehnte gelebt. Er ist der eigentliche Wettbewerbsvorteil. Nicht die Marke. Die Marke ist das Ergebnis.

Tesla, BYD, NIO, Xiaomi Automotive zeigen, dass dieser Geist noch funktioniert. Nicht weil sie besser ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure haben. Sondern weil zwischen Idee und Prototyp keine sieben Freigabeebenen liegen. Das ist keine Kritik an unserer Geschichte. Es ist eine Erinnerung daran, was uns groß gemacht hat. Und eine Frage, die wir uns stellen müssen: Warum fällt uns das heute so schwer?

Als VW-Konzernchef Martin Winterkorn drei Exemplare des Tesla Model S kaufen, testen und auseinandernehmen ließ, soll er danach zu seinen Entwicklerinnen und Entwicklern gesagt haben: „Ein solches Auto hätte ich von Ihnen erwartet." Sein Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch war nach einer Probefahrt so begeistert, dass er intern anordnete: „Kauft's mir das Unternehmen." Das war 2013. Damals war Tesla 20 Milliarden Dollar wert. Diese Industrie hatte die Antwort vor Augen und hat sie nicht gegeben.


Was wir sehen.

Wir sehen Ingenieurinnen und Ingenieure, die brennen. Und die in Strukturen arbeiten, die dieses Feuer langsam ersticken. Nicht durch bösen Willen. Durch jahrzehntelang gewachsene Prozesse, die einmal Sinn ergaben und heute Geschwindigkeit kosten. Wissen verschwindet in Silos. Feedback verliert auf dem Weg nach oben seine Schärfe. Wir kennen Projekte, bei denen eine Entscheidung, die eine Ingenieurin oder ein Ingenieur einen Nachmittag kostet, drei Monate im Freigabeprozess verbracht hat.

Wir haben Kolleginnen und Kollegen gesehen, die ihre Idee dreimal neu verpackt haben und am Ende aufgegeben haben, weil niemand mehr zuständig sein wollte. Das ist kein Einzelfall. Das ist Standard.

Und es sind nicht nur die Jungen, die gehen. Wir erleben es genauso bei Menschen, die zwanzig, dreißig Jahre in dieser Industrie gearbeitet haben. Mit Erfahrung, Urteil und Wissen, das keine Datenbank ersetzt. Sie gehen mit Abfindung, weil niemand zugehört hat, bis es zu spät war. Wenn die besten Menschen nicht wegen schlechter Arbeit gehen, sondern wegen der Strukturen drumherum, ist das keine Personalie. Das ist eine strategische Katastrophe.

Die Gefährlichsten sind nicht die, die gehen. Es sind die, die bleiben und aufgehört haben zu glauben.

Es gibt Menschen in dieser Industrie, die genau wissen, was sich ändern muss. Die es in kleinen Runden sagen, nach dem dritten Bier, auf dem Parkplatz nach der Konferenz. Und die am nächsten Morgen schweigen, weil das System Ehrlichkeit nicht belohnt. Dieser Brief ist für sie genauso geschrieben wie für uns.


Das Muster, das wir alle kennen.

Manche werden sagen: Das war schon immer so. Großkonzerne brauchen Prozesse. Komplexität braucht Abstimmung. Wer noch keine Verantwortung trägt, sieht das nicht. Wir kennen diesen Einwand. Und wir nehmen ihn ernst. Aber er erklärt nicht, warum Entscheidungen, die in Tagen fallen könnten, Monate dauern. Er erklärt nicht, warum dieselben Probleme seit Jahren in denselben Präsentationen stehen. Und er erklärt nicht, warum die Besten gehen.

Diese Industrie hat Krisen immer gleich gelöst. Aussitzen. Umstrukturieren. Entlassen. Erholen. Das hat funktioniert, solange alle dasselbe Tempo hatten.

Nokia hatte 2007 noch 40 Prozent des weltweiten Mobilfunkmarktes. Vier Jahre später war das Kerngeschäft Geschichte. Nicht weil die Ingenieurinnen und Ingenieure schlechter wurden. Sondern weil das System nicht schnell genug war. Wenn Volkswagen, Mercedes und BMW in zehn Jahren das sind, was Nokia 2012 war, wird niemand sagen können, er habe es nicht kommen sehen.


Das Problem, das niemand ausspricht.

Es gibt noch ein Muster, das tiefer sitzt als alle anderen. Einen Stolz, der einmal Stärke war und heute zur Schwäche wird. Die großen Namen dieser Industrie versuchen, die Herausforderungen der Transformation alleine zu lösen. Man lernt nicht voneinander. Man beobachtet einander. Und während man beobachtet, zieht die Welt vorbei.

BYD hat 2023 in China mehr Autos verkauft als Volkswagen. In dem Markt, den die deutsche Industrie zwei Jahrzehnte lang als ihre wichtigste Wachstumsregion bezeichnet hat.

Dabei haben wir in Deutschland etwas, das kaum ein anderes Land in dieser Dichte besitzt: Hochschulen, die mit der Industrie verzahnt sind. Ausbildungssysteme, die Theorie und Praxis verbinden. Netzwerke, die über Unternehmensgrenzen funktionieren könnten. Wer diese Strukturen nicht nutzt, verschenkt den einzigen Vorteil, den Tesla nicht kaufen kann.


Was wir nicht wollen.

Es gibt in dieser Industrie ein Phänomen, das viele kennen und kaum jemand ausspricht. Den goldenen Käfig. Ein Job, der gut bezahlt wird, geregelte Zeiten hat, sichere Benefits bietet. Und in dem man trotzdem langsam kaputtgeht. Weil man nicht mehr tut, wofür man gebrannt hat. Weil die Sicherheit einen hält, obwohl man innerlich schon längst gegangen ist.

Wir wollen das nicht. Wir wollen bauen. Testen. Scheitern. Lernen. Wieder bauen.

Wir wollen nicht in fünf Jahren auf eine jüngere Person schauen und sagen: Geh, solange du noch kannst. Dieser Satz existiert in dieser Industrie. Wir haben ihn alle gehört. Er ist das Symptom eines Systems, das seine besten Menschen nicht hält.


Warum unsere Autos zu teuer geworden sind.

Fahrzeuge wie die Mercedes MMA-Plattform oder die BMW Neue Klasse zeigen, dass das Potenzial für weltklasse Produkte noch da ist. Das Ingenieurswissen existiert. Der Anspruch ist real. Und trotzdem fragen sich immer mehr Menschen auf der ganzen Welt, warum ein deutsches Auto so viel teurer ist als ein vergleichbares aus einem anderen Land.

Die Antwort steckt nicht in den Fertigungskosten allein. Jede Freigaberunde, die ein Projekt um Wochen verzögert. Jede Abstimmungsschleife, die sich wiederholt, weil Verantwortlichkeiten intern unklar sind. Jede Spezialistin und jeder Spezialist, der das Unternehmen verlässt und sein Wissen mitnimmt. Jede Ingenieurin und jeder Ingenieur, die eine Verbesserung vorschlagen und von fünfzehn Kolleginnen und Kollegen hören: Das geht so aber, glaube ich, nicht. All das finanziert der Kunde mit. Nicht als Qualität im Fahrzeug. Als Ineffizienz im System.

Menschen auf der ganzen Welt sind bereit, für ein deutsches Auto mehr zu bezahlen. Aber nur, wenn dieser Aufpreis in das Produkt geflossen ist.

Was wir fordern.

Keinen Bericht. Keine Taskforce. Keine weitere Studie.

Wenn wir einen einzigen Schritt benennen müssten, der alles andere ermöglicht, dann ist es dieser: Schafft Räume, in denen Menschen ohne Karriererisiko die Wahrheit sagen können. Das ist keine HR-Maßnahme. Das ist Kernaufgabe von Vorständen, Werkleitern und Bereichsverantwortlichen. Alles andere folgt daraus.

Wir sind bereit, diese Räume mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen und uns an Ergebnissen messen zu lassen. Nicht in zehn Jahren. Ab morgen.


Wir wollen nicht gehen.

Wir wollen bleiben. Wir wollen bauen. Wenn wir das ernst nehmen, kann dieses Land 2035 wieder der Ort sein, an dem die besten elektrischen, digitalen und vernetzten Produkte der Welt entstehen. Nicht als Erinnerung an vergangene Stärke. Als Beweis, dass wir sie neu aufgebaut haben.

Dieser Brief ist in keiner Kommunikationsabteilung entstanden. Er wurde nicht freigegeben, nicht abgestimmt, nicht durch drei Hierarchieebenen geschickt. Er ist das Ergebnis von Menschen, die sich entschieden haben, einfach anzufangen. So funktioniert Veränderung.

Wir bieten dieses Gespräch einmal an. Nicht weil wir keine andere Wahl haben. Sondern weil wir noch glauben, dass es reicht. Wer glaubt, dass junge Ingenieurinnen und Ingenieure ewig warten, hat nie verstanden, warum wir überhaupt geblieben sind und wird auch nicht verstehen, warum wir eines Tages gehen.

Initiiert von jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren der deutschen Automobilindustrie  ·  Mai 2026

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